Diese Unbestimmtheit darf bleiben
Das Ritual „Gehen und Gedenken” bietet einen Raum transgenerationaler Aufarbeitung. Wir, Ursula Schorn, Angelika Holzer und ich wollen damit einen Ort der Begegnung schaffen - denn nur in der Begegnung, in der Gemeinschaft ist es möglich sich mit einem derartigen Schrecken zu konfrontieren.
Die Grundlage des Rituals ist der „Planetary Dance“, entwickelt von Anna Halprin. Anna Halprin, jüdischer Herkunft, eine bedeutende Tänzerin, Choreographin und Künstlerin aus San Francisco, definiert das Ritual als eine „handelnde Auseinandersetzung mit aktuellen Lebensfragen”.
Ursula Schorn, erfahrene Tanz- und Gestalttherapeutin und Halprin Practitioner hatte das Ritual “Gehen und Gedenken” bereits mehrmals in Deutschland durchgeführt. Wir (Angelika Holzer und ich) erlebten das Ritual 2018 in der Gedenkstätte in Ravensbrück und wussten, dass wir diese Möglichkeit der Begegnung und Aufarbeitung auch in Österreich schaffen möchten. Einfühlsam begleitet von Ursula Schorn führten wir es 2019, 2022 und 2023 in den Gedenkstätten Mauthausen und Gusen durch. Es erreichte eine berührende Tiefe.
Mit dieser Ausstellung lade ich ein, sich dem Thema zuzuwenden, nachzuspüren, einzutauchen und sich der eigenen Verbindung zu diesem Thema bewusst zu werden. Traumata, wie sie im Holocaust entstanden sind, können nur im Kollektiv verarbeitet werden - es ist wie eine gesellschaftliche „Verpflichtung”.
Die Texte sind Ausschnitte der Dokumentation und Rückmeldungen der Teilnehmer:innen. In vielen Fällen wurden Aussagen von unterschiedlichen Teilnehmer:innen in einem Satz, einem Absatz zusammengefügt, sodass eine kollektive gemeinsame Sprache entstand.
Die Fotografien von Michael Schrotter sind Teil der Dokumentation der vier Rituale.
Erinnerung heißt nicht nur, wieder an etwas zu denken, sondern auch, etwas Äußerliches zu verinnerlichen, etwas Objektives auch subjektiv zu machen und es sich dadurch anzueignen und zur Identifikationsbildung zu nutzen – und dadurch sowohl individuelle als auch kollektive Identität zu schaffen.
Aus der NZZ - 27.8.2019
Die Frage nach der Intention für dieses Projekt und die Ausstellung bringt mich in Verbindung mit Erleben, dessen Bedeutung und Tiefe in meiner Kindheit nicht symbolisiert werden konnte. Aussagen wie “Das machen wir jetzt bis zur Vergasung.” standen zwar auf der Tagesordnung, jedoch der dahinterliegende Schrecken blieb mir verborgen.
Die Geschichte wirkt in mir und ich bin diese Geschichte mit jeder meiner Zellen. Aus meiner therapeutischen Tätigkeit ist mir bewusst, dass diese Geschichte umso mehr wirkt, als sie im Verborgenen bleibt. Meine Intention ist es, diese verborgenen Winkel in mir kennen zu lernen, auszudrücken und ihnen so den richtigen Platz in meinem Sein zu geben.
Mit diesem Projekt strebe ich an, all das Ungelöste in mir wahr zu haben - so dass es nicht mehr aus sich heraus wirkt und mein Handeln lenkt.
Die NS-Zeit offenbart sich bei näherem Hinsehen nicht als eine resonante Weltbeziehung, sondern weit eher als Musterbeispiel einer Resonanzpathologie. Am Anfang beruhte diese Bewegung nicht auf einem resonanten, sondern auf einem paradigmatisch entfremdeten Weltverhältnis: Die Resonanzrituale waren angelegt als Oasen in einer zutiefst repulsiven Welt; die ersehnte Resonanzgemeinschaft des Volkes basierte auf der Vorstellung einer empathielosen Ausgrenzung und Ausmerzung alles Nichtidentischen, aller Anderen. Die resultierende Scheinresonanz wurde durch Empathieverweigerung gegenüber allem Nichtidentischen erkauft... die Weltbeziehung der NS-Zeit wird dominiert von Vorstellungen und Erfahrungen einer mitleidlosen Gleichgültigkeit und der erbarmungslosen Feindschaft. Die NS-Zeit stiftete keine Antwortbeziehung, sondern inszenierte nur eine Echokammer für eine imaginierte Volksgemeinschaft (2018, S. 371).
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt den der Fuß
noch nicht gegangen ist, aber gehen wird.
Stehenbleiben und sich Umdrehn
hilft nicht. Es muss
gegangen sein.Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne die Gnade
nicht leben können:Aus „Die schwersten Wege“ von Hilde Domin
Hier könnt ihr ein wenig in der Dokumtation des Rituals in der Gedenkstätte Mauthausen im Jahr 2022 stöbern.